Stiftung Warentest Alarmanlagentest unter die Lupe genommen

Die Stiftung Warentest hat im November 2017 einen Test von Alarmanlagen zum Selbstbau durchgeführt. Dieser kann gegen eine kleine Gebühr als Online-Artikel gekauft werden. Eine willkommene Informationsquelle vor Kauf einer Alarmanlage oder doch rausgeschmissene Euro? Ich habe mir das Heft besorgt und nehme den Artikel im Anschluss genauer unter die Lupe.

Zuerst einmal zum Umfang des Artikels: Dieser nimmt 4 Heftseiten im A4-Format ein, rechnet man die Bebilderung weg sind es eigentlich nur drei. Das hat mich zuallererst einmal sehr überrascht, dass ein dermaßen umfangreiches und komplexes Thema auf nur 4 Seiten abgehandelt wird. Der Artikel gliedert sich in einen redaktionellen Teil, indem  ins Thema eingeführt wird und einige wichtige Erkenntnisse und Gründe für die getroffene Bewertung herausgestrichen werden und indem man ausgewählte Tipps erhält. Und außerdem in einen Tabellenteil, indem die Detail-Bewertung der getesteten Produkte in den Rubriken Alarmfunktion, Handhabung, Robustheit und Verarbeitung nachzulesen ist und man mehr zur Methodik und den Bewertungskriterien des durchgeführten Tests erfährt.

Getestet wurden 4 verschiedene Alarmanlagen: Die Abus Smartvest, die Lupus Lupusec XT2, die Somfy Home Alarm und die Olympia Protect 9661. Warum gerade diese 4 und vor allem warum nicht wesentlich mehr unter der Vielzahl von erhältlichen Produkten, wird nicht erläutert. Hier finde ich ebenfalls den geringen Umfang enttäuschend, da hätte es noch viel mehr Kandidaten gegeben, siehe meinen Blogbeitrag zum Thema Übersicht der wichtigsten Alarmanlagenhersteller. Auch ist die getroffene Auswahl schwer nachvollziehbar, die gewählten Produkte spielen meiner Meinung nach zum Teil in ganz unterschiedlichen Ligen. Bei Abus hätte man auch die höherwertigere Abus Secvest testen können, die ebenfalls zum Selbstbau erhältlich ist.

Durch den Artikel führt eine Geschichte über ein Ehepaar, das zuerst einen Alarmanlagen Professionisten kontaktiert und dort ein teures Angebote für eine „Profi-Alarmanlage“ erhält und dann aufgrund des teuren Angebots doch lieber in Eigenregie die billigere „Alarmanlage zum Selbstbau“ installieren möchte. Hier führt man den Leser leider ziemlich in die Irre und stellt es so dar, als ob es hier zwei fixe Kategorien gäbe: Die hochwertigen Profi-Anlagen und die minderwertigeren Selbstbau-Anlagen. Das entspricht keineswegs der Realität, die Grenzen sind fließend! Einige Anbieter bedienen mit gleichen Modellen(!) sowohl den Do-it-yourself Markt als auch den Vertrieb über Professionisten, es ist also eine absolute Irreführung, dass man beim Professionisten zwangsläufig ein anderes und höherwertiges Produkt erhält. Der Professionist verbaut in vielen Fällen ein Produkt, dass man auch zum Selbstbau kaufen kann. Manchmal wird auch die gleiche Alarmanlage in einem Land an Endverbraucher verkauft, in einem anderen nur an professionelle Alarmanlagenerrichter, je nach geschäftlichem Kalkül.

Als wesentliches Unterscheidungsmerkmal der dem Ehepaar angebotenen Profi-Alarmanlage wird zudem angeführt, dass diese ein neuartiges Türschloss beinhaltet, dass mit Schließen der Eingangstür automatisch die Alarmanlage aktiviert und deaktiviert. So brauche man keine Sorge mehr haben, bei Betreten des Hauses auf das Deaktivieren der Alarmanlage zu vergessen und so Fehlalarme auszulösen. Sorry, aber das ist ganz schlecht recherchiert und finde ich wirklich ärgerlich! Solche Funkschlösser werden mittlerweile von einigen Alarmanlagenanbietern und in etwas anderer Form auch von Amazon (Amazon Key) angeboten, sind aber keinesfalls per se ein Bestandteil, der eine Alarmanlage zu einer professionellen Alarmanlage macht. Das ist reine Geschmackssache bzw. eine Frage der Bequemlichkeit, ob man sich so etwas einbauen möchte oder lieber mit Fernbedienung, Chipkarte oder direkt durch Eingabe an der Alarmzentrale aktiviert und deaktiviert. Und man müsste bei korrekter Recherche auch dazuschreiben, dass solche Systeme auch potentielle Nachteile bergen: Verliert man den Schlüssel oder wird einem dieser entwendet, kann der Inhaber des Schlüssels das Haus völlig ungehindert betreten! Bei Systemen, die über das Web funktionieren, kommen noch die üblichen Web-Sicherheitsbedenken hinzu. Man handelt sich für dieses geringe Mehr an Bequemlichkeit also eine Reihe potentieller Gefahren ein. Ich würde solche Schlösser nicht nutzen. Vor allem stimmt es auch überhaupt nicht, dass man sonst Gefahr liefe, bei Betreten des Hauses mit aktivierter Eintrittsverzögerung auf das Deaktivieren der Alarmanlage zu vergessen. Darauf weist einen die Anlage durch Sprachansage, Warntöne oder auch Warnton-Countdown einige Sekunden bevor der Alarm auslösen würde schon hin. Je nach Modell und wie man das in den Optionen der Alarmanlage einstellt.

Ein weiterer Kritikpunkt: Der durchgeführte Preisvergleich für eine Alarmanlage „für ein Einfamilienhaus“ wird basierend auf einer Alarmanlage mit 6 Öffnungmeldern, 2 Bewegungsmeldern, einer Kamera und einer Außensirene kalkuliert. Das ist aus meiner Sicht von Vornherein keine seriöse Alarmanlage, die ein Einfamilienhaus mit vermutlich zumindest 14 bis 16 Fenstern bzw. Terrassen- und Eingangstür mit nur 6 Öffnungsmeldern schützt. Das schaut dann in der Kalkulation natürlich günstig aus, man lässt damit aber von Vornherein einen wesentlichen Teil der Außenhaut des Gebäudes ungeschützt, siehe auch Rubrik Planung auf dieser Webseite. Da vergleicht man Äpfel mit Birnen, weil so eine Anlage dürfte einem ein Professionist eigentlich gar nicht verkaufen und sollte man tunlichst auch selbst nicht umsetzen. Warum statt der absolut notwendigen mehr Öffnungsmelder eine aus meiner Sicht leicht verzichtbare Kamera im Vergleichsset enthalten ist, kann ich genauso wenig nachvollziehen. So eine Kamera ist „nice to have“ aber keine unbedingt notwendige Komponente einer Alarmanlage.

Damit aber genug der Kritik. Den in die Vergleichstabellen eingeflossenen Produkttest selbst dürfte, vermute ich, jemand anderer, als der Schreiber des aus meiner Sicht sehr oberflächlichen redaktionellen Textes, durchgeführt haben Die Vergleichstabellen wirken durchaus seriös und nachvollziehbar und es werden ein paar interessante Details zum Abschneiden der 4 Anbieter hinsichtlich Sabotagefunktion ihrer Alarmzentrale und Komponenten und inwieweit die Alarmanlage das Prinzip der Zwangsläufigkeit berücksichtigt angeführt. Die Lupusec XT2 hätte bei den einzelnen Rubriken nicht so schlecht abgeschnitten, wird im Test aufgrund von drastischen Web-Sicherheitsbedenken aber auf den letzten Platz zurückgestuft. Lt. Feedback zum Test auf der Stiftung Warentest Webseite wurde diese Lücke aber mittlerweile mit einem Firmware Update behoben.

Kaufen oder nicht?

Der Test ist leider nicht sehr umfangreich und berücksichtigt auch nur wenige Anbieter. Er ist aber sicher lohnenswert, wenn man einen Kauf der Lupusec XT2 bzw. der Abus Smartvest näher in Betracht zieht. In diesem Fall erfährt man in den Vergleichstabellen interessante Details, die man in die Kaufentscheidung einfließen lassen kann. Vor allem aber ist der Preis für das Freischalten des Artikels mit gerade einmal 2,50 Euro durchaus fair, für 7 Euro kann man sich bei Bedarf gleich alle Stiftung Warentest-Artikel für einen Monat freischalten lassen. Da kann man also nicht allzu viel falsch machen. Wenn man sich nur allgemein über Do-it-yourself Alarmanlagen informieren möchte, gibt es jedoch bessere Informationsquellen. Hier ist der Artikel viel zu oberflächlich und zu wenig informativ als dass ein Kauf aus diesem Motiv heraus Sinn machen würde.

Link: Stiftung Warentest Artikel „Alarmanlagen zum Selbstbau“ (kostenpflichtig, 2,50 Euro)

 

Der Alarmanlagentest ist in der November 2017 Ausgabe des Stiftung Warentest Magazins erschienen.

2018-07-02T15:18:57+00:00 Kategorien: Alarmanlagenhersteller, Test|Tags: , , , , |